Snow Maiden Klassikinfo CD of the Week!!

Cover-Snow-Maiden

P.I Tschaikowsky
Snegurochka – Schneeflöckchen
MDR Sinfonieorchester, Leipzig
MDR Rundfunkchor
Leitung: Kristjan Järvi
Sony Classical, 1 CD

Was taten die Leute, als es noch keinen Film, kein Kino gab? Sie erzählten sich Geschichten, sie gingen ins Theater oder sie besuchten ein Konzert. Man konnte das auch kombinieren, etwa in der Oper oder auch durch die Ergänzung eines Schauspiels mit Musik. Schauspielmusiken hatten zur Zeit Tschaikowskys schon eine lange Tradition. Zudem war in der Romantik die Form der Tondichtung entstanden. Sie konnte rein orchestral sein wie in den Werken von Franz Liszt oder Richard Strauss, oder sie bediente sich des ganzen Apparates mit Gesangssolisten, Chor und Orchester wie in Robert Schumanns „Der Rose Pilgerfahrt“, oder Sergeij Rachmaninows „Die Glocken“. Tschaikowskys „Snegurochka“ – Schneeflöckchen -, das er 1873 im Auftrag des Moskauer Bolschoi-Theaters komponiert hat, ist eine Schauspielmusik, die sich wie eine Tondichtung anhört. Übrigens ist es nicht Tschaikowsky einzige – zwischen 1867 und 1891 erreichten ihn mehrere Aufträge für Musiken zum Sprechtheater. Heute wirken solche erzählerischen Kompositionen fremdartig, unzeitgemäß. Entsprechend selten werden sie aufgeführt.

Jetzt allerdings, da die Meisterwerke der großen Komponisten sämtlich bekannt sind und gefühlte Millionen Mal aufgeführt wurden, erhalten auch solche Randwerke eine Chance. Wenn schon kein Meisterwerk mehr, dann wenigstens eines aus Meisterhand. Das dachten sich auch Kristjan Järvi und die Musiker vom MDR und eröffneten mit „Snegurochka“ ihre Konzertsaison 2014/15; ein weiteres Argument war, dass der Komponist seine eineinviertelstündige Musik in 19 Nummern zum Stück des Dichters Alexander Ostrowski als „eines meiner liebsten Kinder“ bezeichnete.

Ein heiteres, ein fröhlich gestimmtes Werk, mit aparten Orchestersätzen, freundlich tönenden Chören und gefühlvollen Solopartien. Nichts, das den Hörer überfordert, aber vieles, das dem Ohr Freude bereitet. Und dies nicht zuletzt, weil sich Järvi mit seinen MDR-Musikern zum Werk einen frischen Zugang ohne allen Pathos erarbeitet hat. So leichtgestimmt, transparent geht Tschaikowsky eben auch und man muss Dirigenten wie Nikolaus Harnoncourt und Roger Norrington wieder einmal aufs Tiefste dankbar sein, dass sie von der Musik-Romantik den Schwulst-Firnis abgetragen und das wahre Gesicht der Kompositionen freigelegt haben. Järvi dirigiert – bewusst oder unbewusst – ganz im Geiste dieser beiden Pioniere und modelliert eine lebendige Klangrevue mit vielen Facetten. Die Uraufführung fand im Mai 1873 statt. Tschaikowsky freute sich des Erfolgs und war in bester Stimmung: „Es war ein wunderbarer Frühling, es ging mir seelisch gut, wie immer beim Herannahen des Sommers“. Zeitgemäß hin, zeitgemäß her; diese Musik hat etwas, um wenigstens schon einmal die Stimmung des Frühlings zu verbreiten.

Laszlo Molnar

Klassikinfo.de

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